Waldrappen ziehen in Wildpark ein
Ein besonderer Neuzugang bereichert jetzt den Wildpark Lüneburger Heide: Sieben Waldrappen sind in den Park eingezogen. Mit ihnen hält eine der seltensten und zugleich faszinierendsten Vogelarten Europas Einzug – und ein Stück Naturgeschichte kehrt zurück. Die Vögel können ab sofort in der großen Adler-Voliere direkt gegenüber des Fischottergeheges bestaunt werden.
Der Waldrapp galt in Deutschland bereits seit dem 17. Jahrhundert als ausgestorben. Intensive Bejagung – das Fleisch der Tiere galt einst als Delikatesse – sowie der Verlust von Lebens- und Bruträumen durch zunehmenden Ackerbau führten zu seinem Verschwinden. Heute zählt der Waldrapp mit zu den weltweit am stärksten bedrohten Vogelarten. Dank internationaler Artenschutzprojekte – unter anderem koordiniert durch Initiativen wie das Waldrappteam – ist es gelungen, den Grundstein für eine Wiederansiedlung in Europa zu legen. Die ersten Tiere stammten aus zoologischen Einrichtungen, aus denen seit 2021 stabile Zuchtgruppen aufgebaut wurden. Inzwischen konnten rund 200 Waldrappen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgewildert werden, die teilweise bereits wieder selbstständig zwischen ihren Brutgebieten und den Überwinterungsgebieten in Italien pendeln.
Als Zugvögel sind Waldrappen darauf angewiesen, ihre Routen von erfahrenen Alttieren zu lernen. Da keines der ersten ausgewilderten Tiere diese Wege je selbst geflogen war, mussten sie ihnen zunächst neu vermittelt werden. Dafür wurden spektakuläre Methoden eingesetzt: Menschen flogen mit Ultraleichtflugzeugen voraus – die Waldrappen folgten ihnen bis in ein geschütztes Überwinterungsgebiet in der Toskana. Heute sind diese Zugrouten wieder im Verhalten der Tiere verankert. Junge Waldrappen lernen sie erneut von den älteren Vögeln. Dennoch bleibt die Reise gefährlich: Entlang der Zugstrecken werden die Tiere leider noch immer illegal bejagt.
Waldrappen beeindrucken nicht nur durch ihre Seltenheit, sondern auch durch ihr Erscheinungsbild: Ihr metallisch schimmerndes Gefieder glänzt je nach Lichteinfall grün bis violett. Charakteristisch ist zudem ihr langer, gebogener Schnabel, mit dem sie im Boden nach Insekten stochern. Der nackte Kopf ist dabei funktional – er verhindert, dass das Gefieder bei der Nahrungssuche verschmutzt und reduziert das Risiko von Parasiten und Erkrankungen.
Die Tiere sind ausgesprochen sozial und leben in Kolonien. Sie sind saisonal monogam, wobei in menschlicher Obhut Paarbindungen oft über mehrere Jahre bestehen bleiben. Beide Elternteile beteiligen sich an Brut und Aufzucht. Die Brutzeit beginnt im Frühjahr und dauert bis Ende April, ein Gelege umfasst in der Regel zwei bis vier Eier.
Die sieben nun im Wildpark lebenden Tiere wurden in den Jahren 2021 und 2022 geboren. Sie erweitern den Tierbestand und tragen dazu bei, Besuchern diese außergewöhnliche Art näherzubringen. Für unsereTierpflegerin Sina Eggers ist ihre Ankunft ein ganz besonderer Moment: Waldrappen zählen zu ihren absoluten Lieblingstieren. „In früheren beruflichen Stationen habe ich viele dieser Tiere mit der Hand aufgezogen, mich intensiv mit ihnen beschäftigt und sie lieben gelernt“, berichtet sie. Ihr persönliches Motto lautet: „Man schützt nur, was man liebt – man liebt nur, was man kennt.“ „Für mich geht mit den Waldrappen ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Ich habe mich über ihre Ankunft mehr gefreut als über Weihnachten und Geburtstag zusammen“, sagt Sina.
Da Waldrappen ausgeprägte Schwarmtiere sind, soll die Gruppe im Wildpark perspektivisch weiter wachsen. Ziel ist es, eine stabile Kolonie aufzubauen und langfristig auch eigene Zuchterfolge zu erzielen. Damit leistet der Wildpark einen weiteren Beitrag zum Erhalt dieser stark bedrohten Art. Mit dem Einzug der Waldrappen setzten wir ein Zeichen für internationalen Artenschutz und Umweltbildung. Ihr habt nun die Möglichkeit, diese seltenen Vögel aus nächster Nähe zu erleben – und mehr über ihre bewegte Geschichte, ihr faszinierendes Verhalten und die erfolgreichen Bemühungen zu ihrer Rettung zu erfahren.
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